Vorweg, für dich

Wenn du diesen Text gerade abends auf dem Sofa liest, vielleicht mit kaltem Tee neben dir und dem leisen schlechten Gewissen, weil du heute nicht gebastelt, nicht gebacken und auch kein einziges Lernspiel aus dem Schrank geholt hast, dann möchte ich dir als Erstes sagen, dass du keine schlechte Mama bist, nur weil dein Kind sich heute eine Weile selbst überlassen war.

Ich schreibe das nicht, weil ich es immer schon gewusst hätte, sondern weil ich selbst lange geglaubt habe, dass eine gute Mutter ihr Kind von morgens bis abends begleitet, anregt, fördert und unterhält, und weil ich erst ziemlich erschöpft sein musste, um zu merken, dass genau dieser Anspruch uns beiden nicht gutgetan hat.

Der Druck, über den kaum jemand spricht

Es sagt dir ja niemand direkt ins Gesicht, dass du dein Kind ununterbrochen beschäftigen musst, und trotzdem spürt man diesen Druck überall, in den perfekten Spielideen auf Pinterest, in den Erzählungen anderer Mamas über Kurse und Ausflüge, in diesem kleinen Satz im Kopf, der fragt, ob man heute eigentlich genug gemacht hat.

Bei mir hat das irgendwann dazu geführt, dass ich mich schon schuldig gefühlt habe, wenn ich in Ruhe die Spülmaschine ausgeräumt habe, während mein Kind auf dem Boden saß und nichts Bestimmtes tat, als wäre jede Minute ohne Programm eine verpasste Chance, die ich ihm schulde.

Der Tag, an dem ich nicht mehr konnte

Ich erinnere mich noch gut an diesen einen Nachmittag, an dem ich einfach leer war, so müde, dass ich mich auf den Küchenstuhl gesetzt und zu meinem Kind gesagt habe, dass ich glaube, es findet bestimmt selbst etwas, womit es spielen kann, und ich weiß noch, wie unsicher ich mich bei diesem Satz gefühlt habe.

Natürlich kam erst Protest, ein bisschen Jammern, dieses typische „Mir ist so langweilig“, das einem direkt ins Herz geht, und ich musste mich wirklich zusammenreißen, nicht doch aufzuspringen und die Bastelkiste zu holen.

Aber dann, nach ein paar Minuten, die sich für mich wie eine halbe Stunde angefühlt haben, wurde es ruhig, und als ich vorsichtig um die Ecke geschaut habe, saß mein Kind vor einer Schüssel, ein paar Holzlöffeln und einem Geschirrtuch und war so vertieft in irgendein eigenes Spiel, dass es mich gar nicht bemerkt hat.

Da steckt etwas in meinem Kind, das gar keinen Platz bekommt, wenn ich ständig alles vorgebe.

Das war kein großer, filmreifer Moment, aber für mich hat sich an diesem Nachmittag etwas verschoben, weil ich zum ersten Mal wirklich gesehen habe, wie viel eigene Welt in meinem Kind wartet.

Langeweile ist kein Notfall

Heute sehe ich Langeweile eher als eine Art Übergang, als diesen etwas unbequemen Moment, durch den Kinder hindurch müssen, bevor ihnen etwas Eigenes einfällt, und wenn wir sie jedes Mal sofort auflösen, nehmen wir ihnen genau diesen Weg ab, auf dem Fantasie, Geduld und Selbstvertrauen wachsen dürfen.

Das heißt nicht, dass ich mein Kind ignoriere oder mich nicht kümmere, es heißt nur, dass ich nicht mehr bei jedem kleinen Seufzer sofort ein Angebot mache, sondern erst einmal abwarte, ob es nicht selbst einen Weg findet, was erstaunlich oft passiert, wenn man ihm die Zeit dafür lässt.

Weniger Spielzeug, mehr Ruhe

Etwas, das mir dabei sehr geholfen hat, war der Moment, in dem ich einen großen Teil der Spielsachen in Kisten gepackt und in den Keller gebracht habe, weil ich gemerkt habe, dass die vollen Regale nicht zu mehr Spiel geführt haben, sondern zu mehr Unruhe, zu mehr Herumräumen und zu diesem Hin- und Herspringen von einem Ding zum nächsten.

Seit weniger da ist, spielt mein Kind länger und versunkener mit dem, was übrig ist, und ganz ehrlich, auch ich atme leichter, wenn ich abends nicht mehr durch ein Meer aus Kleinteilen laufen muss, denn Ordnung im Kinderzimmer ist bei uns kein Selbstzweck, sondern ein Stück Ruhe für die ganze Familie.

Unsere liebsten offenen Spielsachen

Dinge, die noch nicht wissen, was aus ihnen werden soll, und deshalb Platz für eigene Geschichten lassen:

Bauklötze Tücher Töpfe & Holzlöffel Kartons Holztiere

Was sich an meiner Rolle verändert hat

Früher habe ich mich ein bisschen wie die Animateurin im Familienurlaub gefühlt, immer mit dem nächsten Programmpunkt im Kopf, und heute verstehe ich mich eher als sicheren Hafen, als jemand, der da ist, ansprechbar bleibt und zuschaut, aber nicht jede Spielminute selbst gestalten muss.

Wenn mein Kind Nähe sucht, ist die Nähe selbstverständlich da, dann setze ich mich dazu, kuschle, höre zu oder spiele auch gerne eine Runde mit, aber eben dann, wenn es aus dem Moment heraus entsteht, und nicht, weil ich glaube, ein Pflichtprogramm erfüllen zu müssen, damit ich mich abends als gute Mutter fühlen darf.

Und die Schuldgefühle?

Die sind nicht einfach verschwunden, und ich glaube, das müssen sie auch gar nicht, denn sie zeigen ja eigentlich nur, wie sehr wir unsere Kinder lieben und wie wichtig es uns ist, alles richtig zu machen.

Ich habe nur gelernt, dass sie nicht das Steuer übernehmen müssen, und wenn sich heute wieder dieser kleine Gedanke meldet, dass ich doch eigentlich mehr machen sollte, dann stelle ich mir drei ruhige Fragen:

💜 Ist mein Kind gerade zufrieden?

💜 Fühlt es sich sicher?

💜 Weiß es, dass ich da bin?

Meistens ist die Antwort auf alle drei ein leises Ja, und dann darf ich mich entspannen.

Mein Geschenk für dich

Wo bleibt eigentlich deine Zeit?

Seit ich nicht mehr jede Minute meines Kindes verplane, habe ich gemerkt, wie viel von meiner eigenen Zeit früher einfach zwischen Bespaßung, Aufräumen und Hinterherräumen verschwunden ist, ohne dass ich es überhaupt bemerkt habe, und genau aus diesem Gefühl heraus ist mein Mama Zeitrechner entstanden.

Du brauchst nur ein paar Minuten und einen Stift, und er zeigt dir schwarz auf weiß, wie viele Stunden im Jahr dir im Alltag durch die Finger rutschen, welcher Chaos-Typ du bist und mit welchem kleinen ersten Schritt du dir ein Stück deiner Abende zurückholst.

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Ein letzter Gedanke für dich

Dein Kind braucht keine Mama, die den ganzen Tag ein Programm abspult, es braucht eine Mama, die da ist, die es sieht und die ihm zutraut, die Welt auch mal ganz allein zu entdecken, und wenn du heute einfach nur müde warst und dein Kind eine Weile mit Holzlöffeln und einer Schüssel gespielt hat, dann war das vielleicht kein verlorener Tag, sondern ein ziemlich guter.

Ich wünsche dir, dass du heute Abend ein bisschen milder mit dir bist.

Von Herzen, deine Alin 💛

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